Hansischer Städteführer - King's Lynn

Borough Council of King’s Lynn & West Norfolk, King’s Court, Chapel Street, King’s Lynn, Norfolk. PE30 1EX.
Tel: (0044) (0) 1553 616200.
Internet: www.west-norfolk.gov.uk; www.visitwestnorfolk.com
E-mail: kings-lynn.tic@west-norfolk.gov.uk
I. Die Stadt
Das mittelalterliche Lynn

Trinity Guildhall und Rathaus
Im frühen 13. Jahrhundert war Lynn eine bedeutende Markt- und
Hafenstadt geworden. Seit Bischof Losinga von Norwich sie als
Siedlung auf seinem Grund und Boden in Gaywood anerkannt hatte, war
Lynn schnell gewachsen. Er hatte den Benediktinermönchen der
Kathedrale in Norwich die Grundherrschaft übertragen. Ihre
Klosterkirche St. Margaret konnte dennoch nur wegen des Reichtums
der Kaufmannschaft von Lynn erbaut und umgebaut werden, obwohl die
Bischöfe von Norwich entschlossen waren, die Herrschaft über die
Stadt zu behalten. Sie hatten in den 1140er Jahren eine zweite
Stadt mit einem Markt auf dem Neuland im Norden der ersten
gegründet und die Herrschaft über beide Zentren – von Bishop’s Lynn
– im Jahr 1205 an sich genommen. Als Lynn sein erstes Königliches
Stadtrecht im Jahr 1204 erhielt, das den Kaufleuten ein gewisses
Maß an Selbstverwaltung einräumte, war es bereits der dritte oder
vierte Hafenplatz im Königreich.
Lynn’s Bedeutung im Mittelalter beruhte auf seinem ausgedehnten
Hinterland, das vom Fluss Great Ouse und dessen Nebenflüssen
gebildet wurde und mehrere Counties umfasste; der große Fluss war
um 1265 von Wisbech nach Lynn umgeleitet worden. Diese bevorzugte
geographische Situation wurde verstärkt durch seine Lage an
Englands Ostküste, über die Nordsee nach Europa gerichtet, London
und Schottland ebenfalls leicht mit dem Schiff erreichbar.
Lynn und die Deutsche Hanse

Trinity Guildhall
Deutsche Kaufleute aus dem Ostseeraum und Hamburg sicherten sich 1271 Handelsprivilegien in Lynn, und diese wurden 1310 nach einigen lokalen Auseinandersetzungen bestätigt. Das Recht, eigene Häuser zu besitzen, war eines der kritischen Rechte, denn andere fremde Kaufleute mussten bei Bürgern zur Miete wohnen. Lübecker und andere Kaufleute aus dem Osten scheinen, indem sie den Gotländern folgten, Englische Häfen zu Beginn des 13. Jahrhunderts besucht zu haben, Lynn, Hull und Boston, danach London. Professor Friedland hat Lynn und Boston auch als Ziele für Hansische Kaufleute bezeichnet, die sich im Westen etablieren wollten. Die Stadt in Norfolk nahm sie auf als „die Brüderschaft der Deutschen Hanse“ (fratres de hansa alemanie in Anglia existentes, Lynn 1302).
Boston und Lynn zogen die Deutsche Hanse an, weil ihr ausgedehntes Hinterland Gelegenheit für Handel und Erträge bot. Sie reisten im 13. Jahrhundert wegen Wolle zu diesen Häfen im Wash – dem Mündungsbecken der Flüsse Welland, Nene und Great Ouse – und besuchten deren jährliche Sommermessen, was auch die Lübecker 1271 taten. Als der Wollexport aus England im späteren 14. Jahrhundert begann zurückzugehen, strebten die Hansestädte danach, sich mit bestimmten Englischen Häfen zu verbinden. Der deutsche Handel mit Boston war mit dem Kontor in Bergen verknüpft, wo die Lübecker eine beherrschende Rolle spielten; ihre Schiffe brachten Fisch in den Wash und nahmen Wolle, Tuche und Salz mit. Die Kaufleute aus Lynn machten seit den 1380er Jahren Danzig zu ihrem Hauptziel, und Schiffe aus Danzig hatten bereits begonnen, den Norfolker Seehafen zu besuchen, auch wenn Hamburger und Bremer ebenfalls durch Lynn Handel trieben.
Hering, Bauholz, Wachs, Eisen und Teer wurden durch Lynn nach England eingeführt, von Hansischen Schiffen, die manchmal Getreide aus dem Wash nach Flandern brachten. Wolle, Häute, Tuch und Blei waren die Hüter, die zurück nach Danzig und in die anderen deutschen Häfen gebracht wurden. Die Kaufleute aus Lynn sandten Ladungen nach Preußen in Danziger, nach Bergen in Lübecker Schiffen, aber niemand von ihnen scheint sich bis in die 1380er Jahre in Norwegen oder in Hansestädten niedergelassen zu haben. Lynn war bald abhängiger vom Preußischen Handel als jede andere Englische Hafenstadt.

Green Quay (früher bekannt als Marriots Speicher)
Eine Anzahl von Kaufleuten aus Lynn und ihre Genossen ließen sich im frühen 15. Jahrhundert in mehreren Ostseehäfen nieder, vor allem in Wismar, Stralsund und Danzig. Dass Lynn bei der Beilegung von Auseinandersetzungen oder Beschwerden unabhängig mit den Hansestädten verhandelte, ist ein Beleg dafür, dass es nicht wenige waren. Einzelheiten dieser wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen finden sich in einem Memorandum Buch von William Asshebourne, Stadtsekretär von Lynn. 1408 erhielt er einen Brief von Männern aus Lynn in Danzig, in dem sie die Satzungen beschrieben, die sie kürzlich für „ihre Kompanie“ dort aufgesetzt hatten. Der Sohn von Margery Kempe heiratete eine Preußische Frau, und beide reisten 1431 nach Lynn und ließen ihr Kind in Danzig zurück. Unglücklicherweise starb Margery’s Sohn in Lynn, und sie begleitete ihre Schwiegertochter zurück nach Danzig. Es scheint also einen Austausch und Wanderbewegungen von Seeleuten und Handwerkern zwischen den Häfen im Wash und an der Ostsee gegeben haben. Eine erhebliche Gruppe von deutschen Schuhmachern lebte beispielsweise in den 1420er Jahren in Lynn.
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen England und der Hanse verschlechterten sich, nachdem Englische Piraten 1449 die Flotte mit Baiensalz auf ihrem Weg von Südwestfrankreich zur Ostsee gekapert hatten. 1468, nach einem größeren Vorfall vor Dänemark, verbündeten sich dann alle Hansestädte gegen England. Nach mehreren Jahren Krieg wurde 1473/74 in Utrecht der Friede ausgehandelt, und die Deutsche Delegation erreichte die meisten ihrer diplomatischen Ziele. Sie bestand darauf, dass ihr die früheren Handelsniederlassungen oder steelyards in London und Boston und eine neue in Lynn frei überlassen wurden. Der Friede von Utrecht wurde 1474 unterzeichnet, und der Englische König überließ der Hanse einen Kai und Häuser in der Norfolk Stadt. Lübeck lud Danzig ein, die Kontrolle über das Eigentum zu übernehmen, einen Komplex, den man jetzt St. Margaret’s House nannte. Dies ist heute das einzige erhaltene Hansische Geschäftsquartier oder steelyard in England.
Nachhansische Geschichte

Eingang zum Hampton Hof in der Nelson Straße
1537 wurde aus Bishop’s Lynn King’s Lynn, als durch eine Urkunde König Heinrichs VIII. endgültig die Bischöfe von Norwich enteignet wurden und die Kaufleute der Stadt die volle politische Macht erhielten. Im 16. Jahrhundert hielt der Ostküstenhandel mit Getreide und Kohlen, der vor allem London und Newcastle einschloss, die Wirtschaft des Norfolk-Hafens am Leben. Auch wenn der internationale Handel mit der Ostsee und Südwest-Frankreich andauerte ( der Weinimport war beträchtlich), war er vergleichsweise weniger wichtig als vorher. Lynns Hinterland blieb der Schlüssel zum Erfolg. 1722 war der Reiseschriftsteller Daniel Defoe beeindruckt durch die Tatsache, dass die Wash Häfen „den größten Anteil“ aller englischen Häfen außer London an der Binnenschiffahrt besaßen und sechs Counties „völlig“ und drei „zum Teil“ mit Kohlen, Wein und Nahrungsmitteln versorgten. Lynn war andererseits ein bedeutender Getreideexporteur mit Speichern entlang des Flusses. Aber die Stadt versäumte es, im Laufe des 18. Jahrhunderts gewerbliche Industrie zu entwickeln, und so lag die Bevölkerung im Jahr 1801, trotz des Auftriebs seines Schiffbaus und seiner Brauerei, nur bei 11.000.
Lynns Bevölkerung verdoppelte sich zwischen 1801 und 1851, weil Markt und Hafen expandierten wegen der führenden Rolle, die East Anglia bei der Versorgung von London und der neuen Industrieregionen spielte. Danach allerdings beraubte die Ankunft der Eisenbahn in den 1840er Jahren Lynn seiner geographischen Vorteile, weil der Fluss- und Küstenverkehr gegenüber der Schiene zurücktrat. Die Bevölkerung fiel 1851-1871 von 20.000 auf 17.000. Ein wirtschaftlicher Aufschwung folgte erst, als Docks errichtet wurden, die mit dem neuen nationalen Eisenbahnnetz verbunden waren und zur ersten industrielle Revolution in der Stadt führten. Neue Fabriken begannen die Bauern mit Maschinen, Kunstdünger und Tierfutter zu versorgen. Dennoch wuchs die Stadt nur langsam, weil sie von den Industriegebieten zu weit entfernt war; ihr Hinterland blieb landwirtschaftlich, wobei Nahrungsmittel-Importe von Amerika nach England mit den einheimischen Bauern konkurrierten.

Vancouver Center
Lynns Bevölkerung betrug immer noch nur 25.000, als 1950 eine
zweite industrielle Revolution, durch die lokale wie die zentrale
Verwaltung geplant, in Gang gesetzt wurde, mit dem Ziel, das
Wachstum zu steigern. Darüber hinaus war Lynn als Seehafen und
Handelsstadt in der Wash ein Schatz mittelalterlicher und
Georgianischer Architektur, der Mittel für seine Restaurierung
benötigte. 50 Unternehmen aus den Bereichen Nahrungsmittel,
Tiefkühlkost, Kleidung, Chemische Industrie und Kleinmaschinenbau
schufen zwischen 1962 und 1971 5.000 neue Stellen. Die Bevölkerung
wuchs von 28.000 auf 35.000. Die Elektrifizierung der
Eisenbahnlinie zwischen Lynn und London ( 157 km) im Jahr 1991 trug
dazu bei, ein langsames, aber beständiges Wachstum zu sichern. NORA
(Nar Ouse Erneuerungsregion) ist der Name eines ausgedehnten
Bereichs im Süden der Stadt, der neu entwickelt wird mit Wohn- und
Gewerbegebieten und der Möglichkeit eines Yachthafens (marina).
1974 schlossen sich Lynn und West Norfolk zusammen, und 1981 wurde
die Stadtgemeinde King’s Lynn und West Norfolk gebildet. Trotz des
Wachstums der Vorstädte und einiger Neubauten in den 1960er und
1970er Jahren bleibt die Altstadt von King’s Lynn von nationaler
Bedeutung wegen ihrer Architektur und Geschichte. Die Verbindung
mit der Hanse des Mittelalters wurde 2004 unterstrichen durch den
Besuch der Kieler Hansekogge; 2005 wurde die Stadtgemeinde von
King’s Lynn und West Norfolk Mitglied der Neuen Hanse, der einzige
Vertreter Englands.
II. Die Überlieferung
Das Archiv
King’s Lynn Borough Archives, The Old Gaol House, Saturday Market Place, King's Lynn PE30 5DQ.
Tel: (0044) (0) 1553 774297.
Öffnungszeiten: Freitag 10.00 - 13.00 und 14.00 - 16.45. Andere Zeiten für beschränkten Zugang können vereinbart werden durch Kontakt mit dem Norfolk Record Office, The Archive Centre, Martineau Lane, Norwich, NR1 2DQ: Tel: (0044) (0) 1603 222599, e-mail: norfrec@norfolk.gov.uk.
Der Hauptbestand für Mittelalter und frühe Neuzeit, der etwa 40 laufende Meter umfasst, sind Urkunden und Privilegien, 1204-1737, Stadt- oder Versammlungsrollen und –bücher [hall or congregation (assembly) rolls and books], 1385-1387, 1399-1403 und ab 1412, Register und Kopiare von Urkunden, Verträgen, Testamenten und Memoranda ab 1276, darunter das Rote Register aus dem 14. Jahrhundert und William Asshebourne’s Buch, 1408-1417, Stadtgerichtsakten seit 1296, Kämmerei- und andere Rechnungen seit 1292, etwa 500 Immobilienverträge seit dem 13. Jahrhundert und Akten von neun religiösen Gilden, 13.-16. Jahrhundert.
Besonders bedeutsam für die Hansische Geschichte sind die “Hall Rolls and Books” seit dem 14. Jahrhundert sowie Asshebourne’s Buch, 1408-1417, in das der Stadtsekretär Briefe und andere Dokumente eintrug, die die Stadt berührten, darunter auch Auseinandersetzungen in der Stadt und in Übersee, die den Handel und andere Angelegenheiten betrafen. Es gibt eine Veröffentlichung von D.M. Owen, William Asshebourne’s Book, in Norfolk Record Society, volume XLVIII (1981). Abschriften und Auszüge von anderen Dokumenten des Stadtarchivs sind veröffentlicht worden durch Historical Manuscripts Commission, 11th Report, Appendix 3: Manuscripts of the Corporations of Southampton and King’s Lynn (1887) und in D.M. Owen, The Making of King’s Lynn (Records of Social and Economic History, new series 9, 1984).
Literatur und grundlegende Sammlungen
Carter A. and Clarke H., Excavations in King’s Lynn 1963 – 1970 (London, 1977)
Friedland K. and Richards P. (eds)., Essays in Hanseatic History: The King’s Lynn Symposium 1998 (Dereham 2005)
Lloyd D. W., Historic Towns of East Anglia (Gollancz 1989)
Owen D., The Making of King’s Lynn: A Documentary Survey (Oxford 1984)
Parker V., The Making of King’s Lynn (Chichester 1971)
Pevsner N., The Buildings of England: Norfolk North-West and South (Penguin Books 1999)
Richards Paul, King’s Lynn (Chichester 1990)
Williams N. J., The Maritime Trade of East Anglian Ports 1550 – 1590 (Oxford 1988)
Wren W. J., Ports of the Eastern Counties (Lavenham 1976)
True’s Yard Fishing Heritage Museum
Das Museum erzählt die Geschichte der städtischen Fischer, im
Mittelpunkt stehen zwei Hütten aus der Zeit um 1800. Es verwahrt
wichtige Dokumente zur Sozialgeschichte und 6.000 Fotos des
historischen Lynn.
Lynn Museum
Das Town House Museum zeigt mittelalterliche Töpferei und andere Gegenstände, die das städtische Leben der Zeit vor 1500 illustrieren. Das Museum befindet sich in einer schönen Viktorianischen Baptisten-Kapelle (1859) und hat Ausstellungen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt und archäologische Schätze.
Stadtarchiv, Rathaus, King's Lynn
Hier können mittelalterliche Dokumente von nationaler Bedeutung gefunden warden, darunter das berühmte Rote Register, ein Papierbuch des 14. Jahrhunderts, das die Ratssitzungen und die Testamente der Kaufleute verzeichnet. Das Buch von William Asshbourne enthält vielfältige Hinweise auf Lynn’s Beziehungen zur Deutschen Hanse.


