Hansischer Städteführer - Haltern am See

Stadt Haltern am See
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Tourismuseinrichtung: Stadtagentur Haltern
I. Die Stadt
Entwicklung bis zum 13. Jahrhundert
Das heutige Stadtgebiet ist von alters her bevorzugter Siedlungsplatz von Menschen gewesen. Auf den hochgelegenen sandigen Böden an den Ufern von Lippe und Stever ist menschliche Besiedlung seit der Altsteinzeit bezeugt. Die Stadt Haltern verdankt ihre Entstehung der Lage sowohl an einem wichtigen Landübergang über die Lippe als auch am Ufer des Flusses selbst. Sie ist dadurch immer Grenzstadt, aber gleichzeitig auch Brückenstadt gewesen. Schon die Römer kamen nicht nur auf dem Fluss nach Haltern, sondern errichteten hier an der Lippe auch stark befestigte Militärlager und einen ihrer wichtigsten Flusshäfen östlich des Rheins für die weitere geplante Eroberung Germaniens.

Das Alte Rathaus
(Foto: Leoni Buscher-Ciupke)
Im 8. Jh. kämpften die Franken im Halterner Raum gegen die Sachsen
und gewannen im Jahre 758 im heutigen Ortsteil Sythen eine
entscheidende Schlacht, welche die Grundlage der Christianisierung
des Raumes bildete. Nach der ersten urkundlichen Erwähnung Halterns
im Jahre 1017 und der Übernahme des dortigen bischöflichen
Haupthofes in die eigene bischöfliche Verwaltung im Jahre 1169
wurden Haltern im Jahre 1289 die Stadtrechte durch den Bischof von
Münster verliehen.
Im Mittelalter war Haltern wegen seiner Lage an der Grenze zwischen
dem Fürstbistum Münster und dem Kurfürstentum Köln eine wichtige
Festungsstadt an einem Lippeübergang. Mit der Lippe als Stadtgraben
und Ringmauern mit Wehrtürmen und vier Toren wurde eine
Stadtbefestigung angelegt. Einer der Wehrtürme, der
„Siebenteufelsturm“, ist bis heute erhalten geblieben. Mit der
beginnenden Außensiedlung im 19. Jh. legte man die übrigen
Stadtmauern nieder.
Hansische Zeit
Auch im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit fand auf der Lippe eine für die damalige Zeit durchaus beachtliche Schifffahrt statt. Der Schiffbarkeit der Lippe, zumindest streckenweise sogar für größere Lastschiffe, verdankte es Haltern, im Handel zwischen dem Münsterland und dem Hanseraum Nordwesteuropas eine besondere, vermittelnde Stellung einzunehmen.
Auf diese Weise leistete Haltern neben der bedeutenden Wirtschaftsdrehscheibe Wesel, am Zusammenfluss des Rheins und der Lippe, die bis Haltern auch für die größeren Schiffe befahrbar war, einen nicht unerheblichen Beitrag beim Austausch von Waren und Gütern. Zur Zeit der Hanse stellte sie ein wichtiges Bindeglied für den Handel zwischen dem Münsterland und den anderen Regionen dar. Durch die Anbindung an den Rhein ergaben sich Kontakte nach Köln, in den süddeutschen und in den niederländischen Raum, womit gleichzeitig auch der Zugang zu den Weltmeeren verbunden war.

Der Siebenteufelsturm
(Foto: Leoni Buscher-Ciupke)
In der Regel kamen Waren aus dem Rheinland, die für Münster und das Münsterland bestimmt waren, von Wesel aus per Schiff die Lippe herauf bis nach Haltern und wurden von dort aus über Land nach Münster geliefert. Haltern verfügte daher, spätestens 1597 belegt, über einen Kran zum Umladen der verschifften Güter. Ab Haltern wurden die Handelsgüter über den Landweg mit Wagen in Richtung Münster weitertransportiert. Holz aus der Hohen Mark, Sandsteine aus den Baumbergen, Meeresprodukte aus Holland sowie Weine aus Frankreich und vom Rhein sind nur einige Beispiele für die dabei ausgetauschten Güter.
Durch die Lippe hatten Halterner Bürger über den Rhein und die Ijssel die Möglichkeit, einen regen Handelsverkehr mit ihren niederländischen Nachbarstädten Zwolle, Zutphen und Deventer aufzubauen. Der große Stellenwert gerade dieser Verbindung ist daran abzulesen, dass im Jahre 1496 sogar eine Versammlung von Hansestädten in Haltern stattfand, die eine Woche zuvor in Deventer getagt hatten.
Dem Halterner Holzhandel kam große Bedeutung zu; die Fundamente vieler niederländischer Häuser wurden mit Holz aus dem Halterner Raum gefertigt. Städtischen Einnahmeregistern lässt sich entnehmen, dass der Rat noch 1668, also noch über das Ende der Hansezeit hinaus, Holzverkäufe tätigte, deren Erlös 1/3 der Gesamteinnahmen entsprach. Diese Holzverkäufe sind durch die waldreiche Umgebung Halterns erklärbar. Ansonsten spielte der Verkauf eigener Produkte, bis auf den Textilbereich und die Herstellung von qualitativ hochwertigen Schinken, nur eine untergeordnete Rolle, da Zwischenhandelsgeschäfte überwogen.
Halterner Kaufleute sind Mitte des 14. Jahrhunderts am Rhein nachzuweisen, wo sie für das Jahr 1360 als Tuchhändler belegt sind. Auch nach Antwerpen hatten Halterner Kaufleute Handelsverbindungen, wie aus einem Bericht des Antwerpener Hansekontors von 1572 hervorgeht, der sie als Benutzer belegt. In einer im Jahre 1575 zusammengestellten Liste rückständiger Schosszahlungen aus dem Kölner Hanse-Quartier nach Antwerpen sind ebenfalls Halterner Kaufleute verzeichnet, die dem dortigen Kontor noch 20 Pfund schuldeten.

Das LWL-Römermuseum
(Foto: Leoni Buscher-Ciupke)
Die Kontakte reichten aber weit darüber hinaus. Überliefert ist
nicht nur das Testament des hansischen Kaufmanns Johann Trage aus
dem Jahre 1419, der im Handel mit der norwegischen Stadt Bergen
aktiv war. Zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert sind mehrere Bürger
aus Haltern namentlich überliefert, die sich im Ostseeraum
niederließen, dort ihren Geschäften nachgingen und sogar in Städten
wie Reval (Tallinn) und Riga Ratsmitglieder wurden. Auf der
Grundlage der Handelsbeziehungen gab es Wanderungsbewegungen von
Bürgern, die sich hier wie dort niederließen.
Beziehungen zur Hanse sind erst 1470 schriftlich belegt, als der
Hansetag einen Brief an die münsterischen Städte richtet, der über
Dülmen nach Haltern übermittelt und von dort nach Vreden
weitergeleitet werden soll. Im Jahre 1554 gibt die Stadt Münster
auf einem Kölner Drittelstag die von ihr als Prinzipalstadt
vertretenen insgesamt (einschließlich Münster) 12 Städte als zur
Hanse gehörend an, die in zwei Quartiere unterteilt waren, wobei
Haltern mit Bocholt, Borken, Dülmen, Vreden und Coesfeld zum
Braemschen Quartier gehörte. Coesfeld war Vorort, wurde später aber
selbst durch Münster vertreten.
Der Austausch von Waren war im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit für die Stadt Haltern im Rahmen ihrer begünstigten geographischen Lage und Möglichkeiten die Grundlage ihres wirtschaftlichen Aufstiegs. Indikatoren dafür sind sowohl der Bau des Historischen Rathauses 1575-77 als auch der Erwerb hochwertiger und bedeutsamer sakraler Kunstgegenstände durch die Bürger für die Kirche der Stadt wie der flandrische Hochaltar und das aus dem frühen 14. Jahrhundert stammende Gabelkreuz mit dem „Crucifixus dolorosus“, einer neuartigen religiösen Darstellungsform der damaligen Zeit.

Blick auf den Haltener Stausee
(Foto: Leoni Buscher-Ciupke)
Die Handelsbeziehungen Halterns waren von relativ großer Bedeutung.
Dortmund etwa dankte der kleinen Stadt Haltern, die es während der
„Großen Fehde“ 1388/89 mit Getreide versorgt hatte. Mitte des 16.
Jahrhunderts beschwerten sich die niederländischen Städte wegen
Beeinträchtigungen des Handels durch Lippezölle oder
Brückenneubauten am Halterner Lippeübergang. Dies wird auch durch
die bischöfliche Berichterstattung am Ende der Hansezeit, zu Beginn
des 17. Jahrhunderts, wegen der Unterwanderung des Stadtrates durch
Protestanten unterstrichen.
Die bischöflichen Berichterstatter führten die stattgefundenen
religiösen Umwälzungen in der Stadt nämlich darauf zurück, dass die
Bürger der Stadt Haltern „mit den benachbarten Weselschen täglichs
viel Gemeinschaft und Commercia haben“. Selbst nach Einschätzung
der damaligen Zeitgenossen, die in diesem Fall darin den Grund
allen Übels sahen, hatten also die Handelsbeziehungen erhebliche
Bedeutung für die kulturelle und soziale Wirklichkeit der Stadt in
dieser Zeit.
Entwicklung in nachhansischer Zeit
Im 19. Jahrhundert dehnte sich die Besiedlung über die Wälle hinaus aus, so dass die Stadtmauern niedergelegt oder auf Abbruch verkauft wurden. Mit ihren Steinen baute man wichtige öffentliche Gebäude oder verwendete die Steine für die Trassierung der bis heute wichtigen Straßen nach Wesel und nach Münster. Seit der kommunalen Gebietsreform 1975 gehören die Gemeinden des ehemaligen Amtes Haltern und die ehemaligen Gemeinden Flaesheim und Hamm-Bossendorf zur Stadt Haltern. Die regionale Bedeutung Halterns wuchs mit der Errichtung des Wasserwerks im Jahre 1908, der Anlegung des Halterner Stausees und dem Bau der Stevertalsperre im Jahre 1930. Sie wurde damit zu einem attraktiven Ziel für Freizeit- und Erholungssuchende wegen der räumlichen Nähe zu den Ballungszentren des Ruhrgebietes.
II. Die Überlieferung
Das Archiv
Stadtarchiv Haltern, Rochfordstr. 1, 45721 Haltern am See
Tel.: (02364)933-104 u. 933-357, Fax: (02364)933-111
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Öffnungszeiten: nach Vereinbarung
Bestände (Auswahl):
Urkunden städt. Provenienz 1376-1913, Urkunden aus priv. Besitz
1602-1826, Gildebuch der Zimmerer-, Rad- u. Wagenmachergilde
1719-1888, Akten und Amtsbücher bis 1815, darin: Stadt- u.
Bürgerbuch ab 1439 bzw. 1490-1626, Stadtrechnungen ab 1554,
Ratsprotokolle ab 1568, Schatzungen ab 1672, Akten 1815-1934, Akten
1935-1950, Akten nach 1950 bzw. ab 1975, Akten des ehemaligen Amtes
Haltern 1843-1974, Akten der ehemaligen Gemeinde Flaesheim bis
1974.
Ein Anteil hansischer Überlieferung darin ist möglich in: Urkunden
ab 1376, Stadt- und Bürgerbuch, Stadtrechnungen ab 1554 und
Ratsprotokolle ab 1568.
Literatur und Präsentation
Fahlbusch, Friedrich Bernward u.a.(Hrsg.): Beiträge zur westfälischen Hansegeschichte, Warendorf 1988.
Husmann, Gregor: „Am Kran zu Haltern empfangen“. Der Halterner Kran von 1597 am Lippspieker und seine Bedeutung für die Beteiligung Halterns am hansepolitischen Leben, in: Halterner Jahrbuch 1993, S. 71-78.
Husmann, Gregor: Von Tuchhändlern und Tuchmachern (14.-19.Jh.), in: Halterner Jahrbuch 1994, S. 128-138.
Husmann, Gregor: Hansegeschichte der Stadt Haltern, in: Hansische Stadtgeschichten des Westfälischen Hansebundes, Herford 1997.
Husmann, Gregor: Handelsbeziehungen und reformatorische Bewegung in Haltern um 1600, in: Halterner Jahrbuch 1997, S. 129-140.
Husmann, Gregor: Die Organisation der städt. Waren- und Lebensmittelversorgung im Mittelalter: Von der Rolle der städt. Waage, von Maßen, Gewichten und Warenqualität im städt. Wirtschaftsleben und deren Kontrolle auf dem Markt und innerhalb und außerhalb der Stadtmauern, Haltern 2004.
Ilgen, Theodor: War die Lippe im Mittelalter ein Schifffahrtsweg von erheblicher Bedeutung?, in: Haltern und die Altertumsforschung an der Lippe, Münster 1901, S. 21-35. (Mitteilungen der Altertumskommission für Westfalen, Bd. 2).
Kalfhues, Franz-Josef: Lippe-Schifffahrt, in: Blätter zur Geschichte, hrsg. vom Verein für Altertumskunde und Heimatpflege Haltern 1(1985).
Kalfhues, Franz-Josef: „...In Halteren am Kranen...“. Die Rekonstruktion des Halterner Lippekrans von 1597 und der hist. Hintergrund. Ein Beitrag zur Geschichte Halterns vorgelegt zum 500. Geburtstag des Siebenteufelsturms, hrsg. vom Verein für Altertumskunde und Heimatpflege Haltern am See e.V., Haltern 2002.
Karrenbrock, Reinhard: Baumberger Sandstein: Ausstrahlung westfälischen Kunstschaffens in den Ostseeraum, in: Bracker, Jörgen (Hrsg.): Die Hanse. Lebenswirklichkeit und Mythos, Ausstellungskatalog, Hamburg 1989, S. 497-504.
Köster, Bernhard E.: Ortsansichten westfälischer Hansestädte in Druckwerken der frühen Neuzeit, in: Halterner Jahrbuch 1988, S. 34-37.
Köster, Bernhard E.: Das Testament des hansischen Kaufmanns Johann Trage aus Haltern, in: Halterner Jahrbuch 1989, S. 136-139.
Koppe, Werner: Haltern. Hanse. Lippehandel. Aspekte zur mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte Halterns, in: Hansestädte Lettlands und ihre Beziehungen zu Haltern und Westfalen. Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der lettischen Staatsbibliothek Riga. Ausstellungskatalog, Haltern 1992, S. 58-63.
Krakhecken, Maria: Die Lippe, Münster 1939.
Riering, Bernhard: Haltern und die deutsche Hanse, in: Jahrbuch Haltern 1988, S. 17-30. Genehmigter abgedruckter Auszug aus: Riering, Bernhard: Die hansischen Beziehungen des westlichen Münsterlandes. Ein Beitrag zur Geschichte der kleinen Hansestädte, Phil. Diss., Bonn 1950.
Strotkötter, Gerhard: Beschwerde der niederländischen Städte über die Erhöhung des kurkölnischen Zolls auf der Lippe 1559/60, in: Vestische Zeitschrift 7(1897), S. 120-123.


